Ortega y Gasset und Variationen seiner Gedanken zu Europa.

Die Erinnerung an Ortega ist auch im heutigen krisengeschüttelten Spanien noch präsent.

Am 30. Oktober 2012 publizierte der spanische Jorunalist Carlos Elordi in der Webzeitung ‚eldiario.es‘ einen Artikel über die tiefgreifende Krise, in die Spanien vor Jahren wegen der Immobilienblase hineinegeriet und aus der bisher noch kein wirklich sicherer Ausweg gefunden wurde. Seinem pessimistischen Beitrag gibt er den Titel: „Europa ist nicht mehr die Lösung, sondern ein anderes Problem“.
Mit dieser Ueberschrift bezieht sich Elordi ausdrücklich auf eine Aussage von Ortega, wenn er schreibt:“ Schon ist es fast ein Jahrhundert her, seit José Ortega y Gasset im Jahre 1914 sagte, Spanien sei das Problem und Europa die Lösung. Dieser Ausspruch wurde durch den Bürgerkrieg und den Franquismus beerdigt , aber in den 70iger Jahren wurde er in voller Stärke wiedergeboren, als die Opposition gegen die Diktatur begriff, dass die demokratische Zukunft aus der Hand Europas kommen würde und dass das wirtschaftliche, soziale und politische Modell der damaligen Europäischen Gemeinschaft , das Ziel war, welches Spanien erreichen sollte.“

Ortega verstand sich als Dekan der Europa-Idee.

Nicht ganz unbescheiden verstand sich Ortega y Gasset (1883- 1955) selber als Dekan des Gedankens von der Einheit Europas.Dies formulierte er in einem Vortrag, den er 1953 in München gehalten hat. Nachdem er den Zustand Europas – mit Ausnahme der Schweiz- einer schonungslosen Kritik unterzogen hatte, rechtfertigte er sich wie folgt:“ Ich besitze eine gewisse Legitimation dazu, denn sehr wahrscheinlich, leider, bin ich heute unter den Lebenden der „Dekan“, der älteste von denen, welche die Idee Europa ausgerufen haben.“ [1]
Ein solches Selbstverständnis mag von aussen betrachtet übertrieben erscheinen, aber wer sich die lange intellektuelle Biographie Ortega y Gassets vor Augen führt, kann eine solche Selbsteinschätzung sehr wohl begreifen.

Die Europafrage als roter Faden im Lebenswerk von Ortega.

Wie ein roter Faden zieht sich die Europathematik durch sein umfangreiches Werk.[2]
Im Jahre 1906 – der damals 23 jährige hielt sich zu Studienzwecken in Berlin auf – beschrieb er in einem Zeitungsartikel die nationalistisch gefärbte Stimmung, welche in den Strassen Berlins förmlich mit Händen zu greifen war als eine Welle der Euphorie, welche den von der Regieung von Bülov geforderten Aufbau einer deutschen Flotte unterstützte.
Und in diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass „man in diesen Tagen in ganz Europa ein heimliches Zittern empfunden hat, ein ängstliches sich auf etwas Vorbereiten“[3]
Bereits acht Jahre vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges thematisiert der junge Ortega das Spannungsfeld ‚Europa und Nationalismus‘, wenn auch eher auf der Ebene eines Erlebnisses als auf dem Niveau einer begrifflichen Verarbeitung.[4]
Fast 50 Jahre später hielt der alternde Ortega in England (Torkay) einen Vortrag, an dessen Ende er die Bedeutung von Europa für den Frieden betont. Er tut dies mit den folgenden Worten, die ganz am Schluss der chronologisch aufgebauten ‚Obras completas‘ stehen und die gleichsam sein Europatestament zum Ausdruck bringen.
„Der Friede – nicht dieser oder jener kleine Frieden wie so viele, welche die Geschichte kennt, sondern der Friede als stabile, vielleicht definitive Form, ist eine Sache (cosa) und als solche muss er daher hergestellt werden. Dafür ist es nötig, neue und radikale Rechtsprinzipien zu finden. Europa war immer reich an Erfindungen. Warum sollen wir nicht erwarten, dass es auch diese zustandebringt?“[5]
Das schriftlich fassbare Schaffen von Ortega umfasst zeitlich ziemlich genau die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und inhaltlich beschlägt es eine kaum übersehbare Vielfalt einzelner Fragestellungen, Beschreibungen und Analysen aus Alltag, Politik,Geschichte,Philosophie,Psychologie,Soziologie, Kunst und Literatur. Fasst man aber den Bereich des Politischen näher ins Auge,kann man leicht feststellen, dass Ortega in all den Jahren kaum je aufgehört hat, sich mit Europa zu beschäftigen.[6]

Allerdings haben sich dem spanischen Denker im Verlaufe der Zeit bei seinem Ringen um eine Klärung diverser Aspekte der Europafrage verschiedene Perspektiven und Annhäherungs-weisen eröffnet.

Der junge Ortega im Kontext der innerspanischen Europa-Diskussion.

In seinen jungen Jahren knüpfte er bei Joaquin Costa (1846-1911) an, der sich für die Modernisierung eines zurückgebliebenen und traditionalistischen Spaniens einsetzte und für den die Hinwendung zu Europa das Potenzial einer guten, weil modernen Zukunft versprach. Costa und seine Anhänger, die ‚Regenerationisten‘ erwarteten von einer Europäisierung ihres Landes höhere wirtschaftliche, aber auch kulturelle Standards.[7]
Für den frühen Ortega war ‚Europa‘ so etwas wie ein positiv besetzter Symbolbegriff, konnotiert mit der Vorstellung von wissenschaftlichem Fortschritt und kultureller Offenheit. Im Gegensatz dazu betrachtete er ‚Spanien‘ zwar auch als europäische Möglichkeit, die aber erst dann zum Tragen komme, wenn das Land sich in einem selbstkritischen Patriotismus von den verschiedensten Defiziten insbesondere im höheren Bildungswesen und im korrumpierten Parlamentarismus gelöst habe.
Dann erst könne auch ein offener Austausch zwischen einer echten spanischen Kultur und den unterschiedlichen Kulturen Europas stattfinden: echte Zusammenarbeit würde bei einer solchen positiven Entwicklung möglich und es wäre Schluss mit dem einseitigen Import von Kulturen aus Ländern jenseits der Pyrenäen.

Einen ganz anderen Weg aus der spanischen Krise nach dem Verlust der letzten Ueberseekolonien 1898 zeichnete neben anderen Intellektuellen und Schriftstellern der sog. ‚98iger Generation‘ Miguel de Unamuno (1864-1936) vor: die Rückbesinnung auf das genuin Spanische, das – einmal in seiner Reinheit herausgearbeitet und gelebt – seinerseits prägend auf Europa einwirken könne.

Ortega sah die Vereinigten Staaten Europas als Ausweg aus der nationalistischen Krise.

Mit dem weitverbreiteten Buch „Der Aufstand der Massen“[8] legt Ortega eine schonungslose Analyse des moralischen Niedergangs von Europa vor, eine vor allem soziologisch geprägte Diagnose, welche im übrigen phasenweise an die Ausführungen in Oswald Spenglers Werk ‚Der Untergang des Abendlandes‘ erinnern.

Trotz gewisser Aehnlichkeiten bei der Perzeption negativer Aspekte im europäischen Umfeld, wie sie von Spengler und Ortega vollzogen wird,gibt es zwischen den beiden Autoren auch beachtliche Unterschiede. Während bei Spengler in Bezug auf Europa die Dekadenzlogik dominiert[9], denkt Ortega stets im Horizont des Krisenbegriffes. Aus heutiger Sicht war Spengler dagegen wohl weniger in Gefahr, einer eurozentrischen Optik zu verfallen als dies bei Ortega der Fall war.
Dekadenz betont das Zu-Ende-Kommen einer geschichtlichen Bewegung, die man höchstens resigniert zur Kenntnis nehmen kann, während Krise eine Situation von möglichem Umschwung signalisiert und damit der Hoffnung auf einen Ausweg Raum gibt.[10]
Das durch die Nationalismen und den moralischen Zerfall darniederliegende Europa – so die Hoffnung von Ortega- während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen-könne sich erst wieder durch ein grosses, gemeinsames Projekt in die Geschichte einbringen, nämlich durch die Schaffung der vereinigten Staaten von Europa.

Uns Heutigen mag die Formulierung einer solchen Zielvorstellung Ende der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts – kaum 10 Jahre vor dem Ausbruch des 2.Weltkrieges – weltfremd vorkommen, aber Ortega war zutiefst davon überzeugt, dass er damit eine Forderung stelle, die später einmal realisiert werden könne, weil die Voraussetzungen dafür in der Geschichte Europas bereits vorgezeichnet seien.

Ein Blick in die Geschichte:Der europäische Kulturraum und seine Bedeutung für die Ermöglichung eines Vereinigten Europa.

Am 5. Sept. 1949 hielt Ortega, der im Deutschland der Nachkriegszeit ein gefragter Referent war, in Berlin einen Vortrag mit dem Titel: „De Europa Meditation quaedam“.[11]

Vier Jahre später referierte er an der Universität München und gab seinen Ausführungen die Ueberschrift:“Europäische Kultur und Europäische Völker“.In diesem Vortrag[12] formuliert Ortega drei Thesen, die ich hier verkürzt wiedergebe:
Die Tatsache, dass die europäischen Völker stets zusammenlebten, (1.These) hat eine Gesellschaft im Sinne eines Systems von Bräuchen geschaffen, eines Systems, das auf die zusammenlebenden Individuen einen „mechanischen Druck“[13] ausübt. (2.These).
Es müssen also europäische Bräuche und eine europäische öffentliche Meinung existiert haben genauso wie eine öffentliche Macht, „die dieser Meinung einen verpflichtenden Charakter verleiht.“[14] (3.These)
Ortega spricht im Zusammenhang mit der erwähnten öffentlichen europäischen Macht sogar von Staat (in einem vorjuristischen Sinne) oder vom ‚Europäischen Konzert‘ , respektive vom ‚Europäischen Gleichgewicht‘.

Durch die verschiedenen Nationalismen sei das in der europäischen Geschichte seit Jahrhunderten bestehende Allgemeine und Verbindende in den Hintergrund gedrängt worden, was zu einer tiefen Krise geführt habe, einer Krise, die für Ortega eine Chance darstellt. Dies deswegen, weil für ihn die europäische Kultur nicht nach bestimmten inhaltlichen Merkmalen zu definieren ist.
Nach seinen Worten besteht die Kraft der europäischen Kultur eben gerade darin, „dass sie stets bereit ist, über das, was sie war, hinauszugreifen, immer über sich selbst hinauszuwachsen. Die europäische Kultur ist eine immer fortdauernde Schöpfung…..ein Weg, der immer zum Gehen nötigt.“[15]

Ortega y Gasset war während seines ganzen Schaffens stets der Idee Europa verpflichtet, nicht nur, um in ihr die Lösung für die Probleme seines Landes zu sehen. Er blieb ihr auch treu, als Europa als Ganzes von der tiefsten Krise seiner Geschichte erschüttert wurde. Den Antrieb für diese Treue und für seinen Zukunftsglauben holte er sich in einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte Europas, eines Europa, das er nicht als geographischen, sondern als einen kulturellen Raum verstanden hat.[16]

Die Dauerbaustelle Europa braucht auch heute beides: pragmatische Macher und Visionäre mit historischem Bewusstsein.

Durch solche möglicherweise etwas idealistisch wirkenden Vorstellungen allein wären die heutigen europäischen Institutionen kaum geschichtliche Wirklichkeit geworden, denn es brauchte für deren Realisierung auch pragmatische Macher nach dem Zuschnitt eines Robert Schumann, eines Jean Monnet , eines Konrad Adenauer und anderer.
Wie die verschiedenen Diskussionen über eine Verfassung der EU im letzten Jahrzehnt aber klar und deutlich vor Augen geführt haben, ist auch heute ein Denken, das die historische Dimension zusammen mit Grundsatzüberlegungen einbringt, unverzichtbar, wenn die in den letzten 60 Jahren mühsam aufgebauten europäischen Institutionen nicht zu seelenlosen Gebilden verkommen sollen, welche bestenfalls noch einigermassen funktionieren, sich aber stets weiter von den einzelnen Völkern entfernen, weil sie deren Geschichte aus ihrem technokratisch geprägten Selbstverständnis heraus viel zu wenig wahrnehmen können.[17]
Es ist daher keineswegs ein Luxus, sich auch heute noch an Ortega y Gassets Europa-Denken zu erinnern, wie dies die Deutsche Gesellschaft José Ortega y Gasset mit ihrer Website tut.[18]

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[1]   Der dem Münchner Vortrag zugrunde liegende Text wurde 1954 in Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt ) in deutscher Sprache mit dem Titel ‚Europäische Kultur und Europäische Völker‘ veröffentlicht.Für Zitate aus dieser Publikation brauche ich die Abkürzung OEK. Der Text dieses Vortrages kann auch auf dem Netz eingesehen werden mit einem Vorwort von Stasche Rohmer unter www.orgetagesellschaft.de

[2] In den Jahren 2004- 2010 hat der Verlag Taurus in Madrid die bis jetzt vollständigste Herausgabe der Werke von Ortega y Gasset vorgelegt, welche auch Texte umfasst, die bisher noch nie publiziert worden sind. Hunderte von Referenzen zum Thema Europa werden im Register (Band X) aufgeführt. Wenn im folgenden auf diese Ausgabe verwiesen wird, dann geschieht dies mit der Abkürzung OC plus lat. Ziffer für den Band plus entsprechende Seitenzahl. Die entsprechenden Texte aus dieser Ausgabe werden von mir übersetzt.

[3] OC,I p.59

[4] José Lasaga Medina hat sich in einem ausführlichen Artikel mit diesem Spannungsfeld auseinandergesetzt. „Europa versus nacionalismo“ in: Revista de Estudios Orteguianos, Nr. 5, p. 111-139, Madrid, 2002

[5] OC, X p.459

[6] So erstaunt es nicht, dass das Begriffsregister  der Obras Completas, Band X ,p.906-911 hunderte von Verweisen auf den Begriff ‚Europa‘ verzeichnet.

[7] Vgl. dazu Cristóbal Villalobos, Europa en el pensamiento de Ortega y Gasset, in GIBRALFARO, Revista de Creación Literaria y Humanidades. Año VII. Número 53, Málaga, 2008 p. 10 f. Eine sehr ausführliche Darstellung der Europathematik bei Ortega hat Jesús J. Sebastián Lorente verfasst. Sie trägt den Titel „La idea de Europa en el pensamiento de Ortega y Gasset” in: Revista de Estudios Políticos (Nueva Época) Núm. 83. Enero-Marzo 1994. Für den hier angesprochenen Zusammenhang ist vor allem das Kapitel II wichtig:“La idea de ‚Regeneración y Europeización‘ en las generaciones de combate.“

[8] Die Originalausgabe erschien 1930 unter dem Titel ‚La rebellión de las masas‘ bei Revista de Occidente in Madrid. Bereits 1931 erfolgte die deutsche Ausgabe, welche 1989 um das Nachwort von Michael Stürmer erweitert wurde. Eine Neuausgabe, von der deutschen Verlags-Anstalt München herausgegeben,  liegt seit 2012 vor.

[9] Vgl. dazu die Einträge von Anton Mirko Koktanek  zu Spengler in der Studienausgabe  von Kindlers Neues Literaturlexikon, herausgegeben von Walter Jens, (unverkäufliche Buchhändler-Edition) Band 15, München 1996 p. 812-815

[10] José M. Sevilla hat in seinem Aufsatz Ortega y Gasset y la idea de Europa , Revista de Estudios Orteguianos, Nr 3, Madrid 2001 p. 79-111 auf die philosophischen Grundgedanken von Ortega hingewiesen, die auch den Rahmen seiner Gedanken über Europa bilden. Dabei wird dem Begriff der Krise grosse Beachtung geschenkt als einem Uebergang von einer Grundglaubensüberzeugung zu einer neuen, einem Uebergang, der nicht ohne Schwierigkeiten und Leiden vo sich geht. .

[11] Von diesem Vortrag liegt keine deutsche Fassung vor. Wohl aber gibt es in den Obras completas, Bd.X p.73-135 einen umfangreichen Text, der ebenfalls mit ‚De Europa meditatio quaedam‘ betitelt ist.

[12] OEK, p.23/24

[13] OEK,p.23

[14] OEK,p 23

[15] OEK,p 38-39

[16] Vgl.dazu Maria Wilderich von Tahlheim „Europas Wirklichkeit im Schattenriss ihrer Idee“ , 2013 Deutsch Gesellschaft José Ortega y Gasset, welche in ihrem Blogartikel den Gegensatz zwischen Europa als geographischem Spielraum für Machtpolitik und Europa als Kulturraum klar herausarbeitet.  ( www. Ortegagesellschaft.de)

[17] Vgl. dazu aus heutiger Sicht die Gedanken von Jürgen Habermas, der in gewissen Entwicklungen supranationaler Organisationen eine Gefahr für die Demokratie sieht. Jürgen Habermas, Zur Verfassung Europas, Ein Essay, Sonderdruck edition Suhrkamp, Berlin, 4. Auflage 2012, p. 48 ff.

[18] www.ortegagesellschaft.de

Luzern, den 15. Juli 2013, Hans Widmer

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Eine ketzerische Frage im Nachgang zu Brexit

Bevor ich sie stelle, halte ich fest: seinerzeit war ich entschieden für den EWR und ich bedaure, dass der Bundesrat das Beitrittsgesuch zurückgezogen hat. Auch finde ich es unklug, dass die SP in den letzten Jahren ihr früher so offensiv- bejahendes Bekenntnis der EU gegenüber aus elektoralen Gründen alles andere als an die grosse Glocke gehängt hat. Daher ist es nur logisch, dass mir der Ausgang der Brexit-Abstimmung gar keine Freude macht.

Ihr Resultat wird den alten Kontinent noch lange beschäftigen und zwar nicht nur im Hinblick auf die unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Folgen, sondern auch bezüglich möglicher grundsätzlicher Reflexionen über das politische Gebilde der EU als solchem. Und da sind nicht nur die Kritiker der EU am Zuge, sondern auch deren Befürworter, die sich zwar nicht in Zerknirschung , aber doch in konstruktiver Selbstkritik  engagieren sollten.

Aus einer solchen Haltung heraus drängt sich mir die folgende Frage auf. Hat die EU nicht eine Art Rekrutierungsproblem ? Selbstverständlich nicht bei den unteren und mittleren Kadern ihrer Verwaltung, wohl aber bei ihrer Führungsriege. Dort bräuchte es vermehrt herausragende politische Führungspersönlichkeiten, welche ihr Talent und ihre Energie nicht den nationalen Interessen, sondern eben denjenigen der EU zur Verfügung stellen.

Natürlich arbeiten in Brüssel durchaus gute Politikerinnen und Politiker, aber die Frage drängt sich auf, ob sie wirklich zur ersten Liga der seltsamen Spezies der ‘politischen Tiere’ (animaux politiques) gehören.

Um nur zwei Beispiele aus der neueren Zeit zu nennen: warum sitzt nicht ein Renzi in der EU-Zentrale, sondern seine mögliche Rivalin auf der nationalen Ebene. (Frau Mogadini)  Oder, warum hatte ein Martin Schulz für die Spitzenposition des Kommissionspräsidiums keine Chance, sondern ein Juncker, der als Politiker in Luxemburg genau jene Steuerpolitik machte, die dem entgegensteht, was er jetzt zu vertreten hat. Wie steht es da mit dem für eine politische Persönlichkeit zentralen Kriterium der Glaubwürdigkeit?

Wenn die EU die schwierigen Zeiten, die ihr bevorstehen, meistern will, dann muss seitens der Migliedstaaten gewährleistet werden, dass jene Politikerinnen und Politiker zum Zug kommen, die zu den besten und glaubwürdigsten gehören: Menschen aus der 1. Liga und nicht solche, für die man in Brüssel noch einen Altersposten sucht oder solche, die man ‘zu Hause‘ aus Konkurrenzgründen loshaben möchte. Wer sich von Alpha-Tieren in der nationalen Politik ‘weg-befördern’ lässt, gehört sicher nicht zur 1. Liga der ‘politischen Tiere’, die es nun einmal in einer politischen Organisation braucht, einer Organsiation, die als Player in der globalisierten Welt eine wichtige Rolle spielen soll, einer Organisation, die zwar mit der Wirtschaft zusammenarbeiten muss, die aber aufgefordert ist, den Primat des Politischen durchzusetzen.

Sturkturen sind wichtig, aber vergessen wir nicht, dass trotz allem den Führungspersönlichkeiten auch heute noch eine grosse Bedeutung zukommt. Daher meine unbequeme Gretchenfrage an die EU mit ihren Mitliedsländern: wie hälst’s Du mit der Rekrutierung der Besten?

  1. Juni 2016 Hans Widmer
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Ortega Y Gasset: wer war das schon wieder?

Vorbemerkung

Der spanische Essayist, Philosoph, Journalist und Politiker (1883-1955) ist heute im deutschen Sprachraum etwas in Vergessenheit geraten. Das ist auch verständlich, denn nur ganz wenig Autoren finden den Weg in die privilegierte Sphäre der grossen Klassiker. Das ist in allen Bereichen so, in der Philosophie, der Kunst, den Wissenschaften  usw. Besonders schwierig ist die Etablierung in dieser ‚Ueberflieger-Etage‘ für derart facettenreiche Schriftsteller wie Ortega einer war.

Trotzdem werde ich in diesem Beitrag, den ich von seinem Umfang und von seiner zeitlichen Dauer her der Kategorie ‚open end‘ zuordnen möchte, mich sehr intensiv mit dem Werk von Ortega y Gasset beschäftigen.  Das hat verschiedene Gründe: Da ist einmal die brillante und bildhafte Sprache, deren Anziehungskraft ausser Diskussion steht und durch sie und mit ihr werden zudem Inhalte transportiert, über die nachzudenken auch heute noch von Interesse sein kann. Selbstverständlich verdienen nicht alle seine Ueberlegungen die gleiche Aufmerksamkeit. Viele könnte man übergehen und vergessen, weil sie zur Sparte ‚Tagesjournalismus‘ oder zu jener von ‚Entwürfen‘ gehören. Aber auch diese sind zu berücksichtigen, weil sie uns den Denkweg des Autors zeigen, einen Weg, der nicht nur geradlinig verläuft, sondern Schlaufen zieht und so auch heute noch zu beeindrucken vermag, weil auch für uns Denken ein Unterwegs-Sein ist, eine Wanderung durch Bilderschluchten entlang von Begriffsgittern, die allenfalls nach einiger Zeit verrotten und untauglich werden.

Im Jahr 2004 hat die „Fundación José Ortega y Gasset“ die bis heute umfassendste Ausgabe der Gesamtwerke  (Obras completas) herausgegeben. Sie ist chronologisch aufgebaut und umfasst unter anderen auch  bisher unveröffentlichte Schriften.

1902:

Nicht aktuelle Glossen. (bisher  unveröffentlicht)

Ortega war gerade einmal 19 Jahre alt, als er in den Monaten Juni/Juli 1902 zwei Schriftstücke verfasste, welche 2007 in den Obras completas[1] (p.3-7) erstmals publiziert worden sind. [2]

Der erste Text trägt den Titel «Vom Licht in die Schatten»[3] und für den zweiten Artikel wählte der junge Autor ein einziges Wort, nämlich das Verb «Keuchen»[4]

Beide Dokumente stehen unter der gemeinsamen Ueberschrift «Nicht-aktuelle Glossen»[5]

a) Vom Licht in die Schatten

Der 1. Glosse « Vom Licht in die Schatten» wird die folgende Widmung vorangestellt: «Für Herrn Habacuc Humbugman, Professor für vergleichende Paradoxie an der Universität von Plumckake.» [6]

Auf die Frage, wer mit  Habacuc gemeint sei , findet man in den Bemerkungen zur Edition der Obras completas den folgenden Hinweis: «Dieser Herr ist der Journalist Mariano de Cavia.»[7]

Den Auftakt zur ersten Glosse «Vom Licht in die Schatten» bilden fiktive Vorstellungen über die Höhlenbewohner.

Deren Arglist vergleicht der junge Schriftsteller mit misstrauischer Bauernschlauheit. Diese sei bei den Höhlenmenschen derart durchtrieben gewesen, dass einem der grinsende  Voltaire im Vergleich dazu geradezu naiv vorkomme.

Nicht nur epischer Ironien seien unsere Vorfahren fähig gewesen.Sie hätten es sogar fertig gebracht, sich das von Natur aus zerstörerische Element des Feuers für die eigenen Zwecke dienstbar zu machen.

Dadurch sei die Nacht zum Tag geworden und es sei zu Ende gewesen mit dem naturgegebenen Gleichgewicht zwischen der dem Schlaf geweihten Nacht und dem für das Tätigsein bestimmten Tag.

Mit der damit zusammenhängenden Hypertrophie des Gehirns habe sich  die Fähigkeit zum Abstrahieren entwickelt wie auch  die Verinnerlichung des Denkens und mit ihr die Erfindung der Moral.

Ortega beurteilt diesen Gang der Geschichte als Dekadenzbewegung, die höchstens noch durch Rousseau unter folgenden Bedingungen hätte aufgehoben werden können: Ablehnung der intellektuellen Fortschritte und Rückkehr zu den ursprünglich partikulären Ideen.

Die Dekadenzbewegung kam aber nicht zum Stillstand. Im Gegenteil, die allgemeinen Ideen, welche im Text als asiatische Erfindung bezeichnet werden, verbreiteten sich wie eine Krankheit, welche zunächst endemisch blieb, später aber physiologisch wurde.[8]

An dieser Stelle sei die Dekadenzgeschichte bereits zur Hälfte abgelaufen. Von da weg hätte sie sich durch  zunehmende Beschleunigung dem freien Fall angenähert.

Das menschliche Gehirn sei im Verlaufe der Zeit immer noch grösser geworden: dadurch seien sowohl Akte des  Zauderns als auch des Zweifels möglich geworden. Auch sei das Reich der Sinnestäuschungen entstanden. Nach dieser Aussage folgt der für unser heutiges Verständnis provokative Satz: « der Mensch wird zur Frau.»[9]

Durch diesen Entwicklungsschritt sei der Mensch zu einem kranken Wesen geworden: aufgrund der Fähigkeit, in allgemeinen Begriffen denken zu können, seien Trugbilder entstanden und schliesslich sei auch die Figur des Künstlers  auf den Plan getreten. Diese wird als ein «durch Schatten verletzter Nerv.»[10] beschrieben.

Jetzt sei die Zeit des senilen Luxus der Menschheit angebrochen, eine schreckliche Zeit desaströser Verwechslung zwischen Schatten, Einbildungen und Realitätsfetzen und damit einer Konfusion zwischen dem, was wirklich ist und dem, was in seinem Geist bloss Seinsstatus beanspruche. Eine unverständliche Welt schöner Abstraktionen sei entstanden, eine Welt allerdings, die dem Menschen entglitten sei.

In diesem somnolenten Zustand seien vage Erinnerungen an für immer verloren gegangene Lusterfahrungen aufgetaucht. Die Menschen hätten auf diesem Hintergrund  Genealogien konstruiert, welche sie glauben machten, sie wären Erben eines imaginierten Thrones. Unter Tränen und nervöser Erregung hätten sie das alte Lied von den Abdankungen angestimmt.

Das Ganze- so Ortega- sei ein «Kampf mit Schatten» (Schattenboxen  ?)[11], den er mit den folgenden Figuren aus der Kulturgeschichte illustriert: mit Israel, der mit dem Engel ringt, mit Hamlet in seinem Kampf mit dem Zweifel, mit Faust, der sowohl die Wissenschaft als auch die Liebe beweint und schliesslich mit Don Quijote, der einen bewaffneten Ritter fingiert.

Wie kann dieser Text vom „Licht zu den Schatten“ gedeutet werden.

Dazu einige Stichworte.

  1. Die Widmung zeigt zwei Aspekte:
    1. Ihn beschäftigt die Tatsache, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte von Paradoxien ist: was als Errungenschaft daherkommt (Feuer /Licht) erweist sich im Verlaufe der Zeit als negativ: es führt zum Verlust eines ursprünglichen Gleichgewichtes (z.B. von Tag und Nacht), zur Abstraktion und damit zu einem erkenntnistheoretischen Realitätsverlust. Die Menschen auch die grossen Gestalten der Geistesgeschichte – Israel – Hamlet – Faust- Don Quijote- verlieren den sicheren Boden unter den Füssen.
    2. Er beruft sich auf ein Vorbild, nämlich auf den Journalisten Mariano de Cavia, der ihn in seiner Fähigkeit, mit dem Paradoxen umzugehen, offensichtlich fasziniert hat und dem er das Pseudonym Habacuc gibt.

 

[1] José Ortega y Gasset, Obras completas, Tomo VII (1902-1925), Madrid 2007 ISBN 978-84-306-0624-5 (Im folgenden mit OC, VII + Seitenzahl abgekürzt.)

[2] Aus den Bemerkungen zur Edition der OC geht hervor, dass die unter dem Titel ‚Nicht aktuelle Glossen‘ archivierten  Texte seitens des jungen Autors eigentlich für den Druck bestimmt gewesen wären, aber dass sie trotzdem bis ins Jahr 2007 unveröffentlicht blieben.

[3]“De la luz a las sombras» OC,VII,912.

[4] «Jadear» OC,VII,912. Im Deutschen könnte man ‚jadear‘ nicht nur mit ‚keuchen‘, sondern auch mit ‚hecheln‘ übersetzen.

[5]«Glosas inactuales».Es ist nicht auszuschliessen, dass mit dieser Formulierung eine Anspielung auf Nieztsches «Unzeitgemässe Bemerkungen» gemacht wird. Vgl. insel taschenbuch 509, ISBN: 978-3-458-32209-2

[6] OC,VII,3.

[7] Oc, VII, 851  Mariano de Cavia (1855-1920) war ein aus Zaragoza stammender Journalist mit freigeistig-liberaler Einstellung , der unter anderen in jenen Zeitungen mitarbeitete, in denen auch Ortega Artikel veröffentlichte wie zB. (El Imparcial oder El Sol). Einen Hinweis auf die Neigung von Cavia zur Satire war dessen Gründung der satirischen Wochenzeitschrift «El Chin-Chin», die allerdings nur wenige Wochen überlebte. (vgl. https//es wikipedia.org/wiki/Mariano de Cavia)

[8] Ortega bezeichnet die asiatische Erfindung der allgemeinen Ideen als das «französische Uebel» (mal francés, OC VII,4), welches dasjenige Begehren erregt, welches (durch diese Krankheit  Verf. ) auch getötet wird.»Una enfermedad que excita a aquel deseo que mata.» ebd.

[9] «el hombre se transforma en mujer.» (OC,VII,4) Wenn man ‘hombre’ nicht voreilig als ‘Mann’ übersetzt, sondern als ‘Mensch’, dann kann man diesen Satz aus anthropologischer Perspektive zu erklären versuchen. Wenn man dagegen ‘hombre’ mit ‘Mann’ widergibt, dann drängt sich die Genderperspektive auf. Im Fall der anthropologischen Deutung könnte man an diesem Punkt der Dekadenzgeschichte die Entstehung der Phantasie verorten, jener Fähigkeit, die oft als das weibliche Prinzip bezeichnet wurde. Eine Interpretation aus der Genderperspektive  hingegen würde nur den einen Teil der Menschheit der Dekadenzgeschichte, zuordnen-nämlich die Frauen- und damit dem Denken des jungen Ortega das patriarchalische Paradigma unterstellen, was aus dem Kontext seines späteren Denkens kaum gerechtfertigt ist.

[10] OC,VII,4

[11] !Lucha con sombras! (OC,VII,4)

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b) Keuchen (Hecheln)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Empörung und Engagement gehören zusammen

Vor dem Ethikforum Luzern hat Hans Widmer am 3. November 2011 im «Lukassaal» einen Vortrag über Stéphane Hessel bossnepal.com und sein weltweit überaus erfolgreiches Buch «Empört Euch» gehalten.

An den Beginn meiner Ausführungen möchte ich auf eine verlegerische Erfolgsgeschichte hinweisen.

Mit über 90 Jahren schreibt vor etwa zwei Jahren ein gewisser Stéphane Hessel eine gerade mal gute 20 Seiten umfassende Schrift, die in kurzer Zeit in Frankreich beinahe drei Millionen mal aufgelegt wird. Übersetzt wird sie in rekordverdächtiger Kurzzeit in sage und schreibe 33 Sprachen.

Den Titel «Empört euch», so erklärte der Autor vor kurzem in Zürich, hat nicht er, sondern seine Verlegerin gesetzt. Und sie habe anfänglich für die französische Auflage mit etwa 8000 Exemplaren gerechnet.

Die Befehlsform «Empört euch» heisst auf spanisch «Indignáos» und  wurde zur Bezeichnung für eine Massenbewegung, die Bewegung der sogenannten Indignados, auf deutsch die «Bewegung der Empörten».

Empörung wird heute massenhaft und weltweit zum Ausdruck gebracht

Sie hat insbesondere im krisengeschüttelten Spanien grosse Verbreitung gefunden, aber nicht nur dort.

Inzwischen macht die massenhaft zum Ausdruck gebrachte Empörung in verschiedenen Ländern Schlagzeilen, denken wir nur an die Occupy-Bewegungen oder an die Empörungs-Bewegungen in Israel oder in Chile.

Selbstverständlich sind die Inhalte der Empörungen nicht in allen Ländern gleich, aber sie werden überall getragen von dem, was wir als eine Art Leidenschaft der Empörung über untolerierbare Zustände bezeichnen können, welche im Zentrum der kleinen Streitschrift von Hessel steht.

Übrigens hat er der kleinen Schrift «Empört euch» vor kurzem ein grosses Interview folgen lassen, welches unter dem Titel «Engagiert euch» erschienen ist.

In diesem Werk kommt die klare Forderung zum Ausdruck, dass «Empörung» allein nicht genügt, um in dieser Welt etwas zu bewegen, dass sie nur der erste Schritt ist und dass ihm unbedingt ein zweiter  folgen muss, nämlich jener des Engagements.

Wer ist Stéphane Hessel und welches sind die Botschaften, die er vermittelt?

Er wurde 1917 in Berlin geboren. Seine Familie, der Vater war Jude, zog 1924 nach Paris, wo er 1939 in die Eliteschule École normale supérieure eintrat.

Während des Krieges engagierte er sich in der Résistance-Bewegung, fiel aber in die Hände der Nazis und wurde in das Konzentrationslager Buchenwald gesteckt, aus dem er mit viel Glück durch die Annahme einer neuen Identität fliehen konnte.

Nach dem Krieg wurde er französischer Diplomat und wirkte 1948 mit bei der Formulierung der UNO-Menschenrechtsdeklaration.

1977 wurde er Botschafter für Frankreich bei der UNO in Genf.

In den letzten Jahren engagierte er sich – wohlverstanden als Jude – für die Sache der Palästinenser.

Aus diesem verkürzten Lebenslauf lässt sich leicht verstehen, dass die folgenden Erfahrungen für das beeindruckende lebenslange  Engagement von Hessel von entscheidender Bedeutung sind:

. die französische Résistance gegen die Gefahr des Nationalsozialismus,

. die Erfahrung im Konzentrationslager Buchenwald

. die Mitwirkung bei der Ausarbeitung der UNO-Menschenrechtsdeklaration

Ihm geht es darum, den Menschen von heute von diesen Erfahrungen zu berichten und sie dazu aufzurufen, für den Erhalt der Errungenschaften seiner Generation in der Résistance und im befreiten Frankreich zu kämpfen:

. für die sozialstaatlichen Einrichtungen,

. für die Menschenrechte,

. für die Pressefreiheit.

Die Macht des Geldes – so Hessel – werde heute über alles gestellt und es sei ein Skandal, dass der Abstand zwischen Armen und Reichen noch nie so gross gewesen sei wie heute. Die Diktatur der Finanzmärkte sei derart mächtig, dass sie den Frieden gefährde und die Werte der Demokratie unterlaufe: Grund genug zur Empörung und zum Engagement.

Welche geistige Haltung steht hinter dem Engagement von Hessel?

Hessel blickt in seiner Schrift auch auf seine geistige Biographie zurück und weist darauf hin, dass er bei seinen Einsätzen von der Philosophie Jean Paul Sartres – der übrigens einige Jahre vor ihm an der École supérieure studiert hatte – stark beeinflusst wurde.

Von diesem atheistischen Existenzialisten übernahm er die folgende – wie er schreibt – «anarchistische» (p.11) Botschaft, nämlich die, dass es immer um die «Verantwortung des Einzelnen» geht, «ohne Rückhalt, ohne Gott. Im Gegenteil: Engagement allein aus der Verantwortung des Einzelnen.»(p11)

Er kommt auch auf seinen natürlichen Optimismus zu sprechen, der ihn von der Philosophie Hegels fasziniert sein liess.

Hegel versucht der Geschichte einen Sinn zu geben: Sie ist nämlich nach ihm jener dialektische und damit auch mühsame Prozess, der die Freiheit erarbeitet, sodass am Schluss der demokratische Staat entwickelt werden kann.

Dieses Geschichtsverständnis stellt Hessel der pessimistischen These von Walter Benjamin über den Begriff der Geschichte gegenüber; die Geschichte – so Benjamin – sei auf eine Anhäufung von Katastrophen zurückzuführen, auf das Streben nach immer mehr Fortschritt.

Auf Anhieb mag es erstaunen, dass Hessel seine Schrift «Empört euch» mit dem Bild Angelus novus von Paul Klee beginnen lässt.

Erstaunen deswegen, weil dieses Aquarell eng mit der pessimistischen Geschichtsauffassung von Walter Benjamin verbunden ist. Benjamin hat es nämlich im Jahre 1940, seinem Todesjahr, ganz im Sinne seiner Auffassung der Geschichte als einer einzigen Katastrophe gedeutet:

Hessels lebenslange Disposition zum Einsatz für eine bessere Welt ist demnach sowohl psychologisch als auch philosophisch verankert,

. nämlich in seiner persönlichen optimistischen Grundgefühlslage

. in der sartre’schen These vom Engagement als Kern des   Menschseins

. wie auch in der Hegelschen Geschichtsphilosophie.

Hessels dezidierte Sanftheit

Der «Tagesanzeiger» vom 28. Oktober 2011 p.19 titelt den Bericht über den Zürcher Auftritt Hessels wie folgt: «Der sanfte Prediger der Menschenrechte»

Leider war ich bei diesem Auftritt nicht dabei, aber nur schon die Texte von Hessel strahlen in der Tat so etwas aus wie Sanftheit. Eine Sanftheit, die sicher in Verbindung zu bringen ist mit der tiefen Überzeugung, dass die Geschichte dann nicht zu einer Katastrophe wird,

. wenn wir auf der einen Seite nicht gleichgültig sind und

. wenn wir beim Einsatz für eine bessere Welt niemals die Gewalt, sondern immer den Dialog suchen.

Es ist aber auch eine Sanftheit, die sehr bestimmt werden kann, ohne aber je einem ätzenden Moralismus zu verfallen.

Die Dezidiertheit dieser Sanftheit kommt etwa dann zum Ausdruck, wenn er sich mit der Gleichgültigkeit auseinandersetzt .

«Ohne mich», schreibt er, «ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann.» (13)

Wer angesichts der heute anstehenden Menschheitsaufgaben – eben: etwa dem stets grösser werdenden Graben zwischen Armen und Reichen oder der noch lange nicht durchgesetzten Ansprüchen der Menschenrechte – gleichgültig bleibe, dem sei «eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen, die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement.» (13)

In der komplexen und interdependenten Welt gibt es genug konkrete Situationen, «die» – wie er uns zuruft – «euch veranlassen, euch gemeinsam mit anderen zu engagieren.» (15)

Er selber hat seine Fähigkeit zur Empörung auch im hohen Alter nicht verlernt.

Hessels klare Stellungnahme in der Palästinenserfrage

Zwar taucht immer wieder seine «Empörungsgeschichte» auf; etwa, wenn er in die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurückblickt, aber empört engagiert er sich auch heute noch für die mehr als 3 Millionen palästinensischen Flüchtlinge, «die» – wie er provozierend schreibt – «in einem Gefängnis unter freiem Himmel» (p.16) leben.

Entrüstet formuliert er, der selber Jude ist, den Satz: «Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.»

Angesichts der Palästinafrage werden seine optimistische Geschichtsauffassung und seine Forderung nach coinstar offers Coinstar Money Transfer, Information About Jamaame dahabshiil Gewaltlosigkeit. beinahe brüchig, wenn er resigniert feststellt, dass die Geschichte nicht viele Beispiele von Völkern kenne, «die aus ihrer Geschichte lernen.» (17) oder wenn er die folgende rhetorische Frage stellt:

«Ist es wirklich realistisch zu erwarten, dass ein mit unendlich überlegenen militärischen Mitteln besetzt gehaltenes Volk gewaltlos reagiert?» (17)

Nur die Gewaltlosigkeit bringt die Geschichte weiter

Dann aber ringt er sich unter dem Titel «Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen lernen» (18) zur klaren These durch, dass nur gewaltlose Hoffnung den Gang der Geschichte im Sinne der Menschenrechte, des Friedens und der Demokratie wirksam beeinflussen kann.

Damit distanziert er sich in der Frage der Gewalt sehr klar von Sartre, der sich während Jahren – etwa im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg – für die Terroristen stark machte, der aber immerhin gegen Ende seines Lebens von einer harten Gewaltbejahung Abstand nahm.

Hessel setzt seine Hoffnung im Sinne von Nelson Mandela und Martin Luther King auf die Gewaltlosigkeit. Er verurteilt jegliche terroristische Gewalt, weil sie bloss Hass aufbaue und damit neue Zerstörung. Es müsse gelingen,

«dass Unterdrücker und Unterdrückte über das Ende der Unterdrückung verhandeln.» (19)

Warum entfaltet die Schrift «Empört euch» eine derart grosse Wirkung?

Man könnte ja beim Stilistischen beginnen. Sie ist kurz und einfach geschrieben: selbst, wenn sie philosophische Themen angeht, bleibt sie schlicht und beinaht formelhaft ohne die Begriffsrabiatheit gewisser Schriften aus den Zeiten der 68-Bewegung.

Aber das kann nur ein Element der Strahlkraft von «Empört euch» sein. Ein anderes, wahrscheinlich das gewichtigere, ist das beinahe Formelhafte in seinem Vortrag. Ich zitiere die «Botschaft der Hoffnung, dass die Gesellschaften unserer Zeit Konflikte durch gegenseitiges Verständnis in wachsamer Geduld werden lösen können, auf der Grundlage unabdingbarer Rechte, deren Verletzung, von welcher Seite auch immer, unsere Empörung auslösen muss.» (19)

Eine solche Botschaft – mitgeteilt von einem Menschen, dessen Leben    geradezu die glaubwürdig personifizierte Illustration dieser Botschaft ist – muss bei Menschen ankommen,

. welche nicht mehr bereit sind, den Mainstream-Informationen der  Massenmedien blinden Glauben zu schenken und ihren ständigen Konsumaufrufen zu folgen,

. bei Menschen, die nicht mehr bereit sind, wegzuschauen, sondern die sich in irgendeiner Weise engagieren, aber nicht einfach in den Gefässen einzelner Parteien.

Die Politik braucht die Empörungsbewegungen – aber die Empörungsbewegungen brauchen auch die Politik

Das Empörungspotenzial dieser unzähligen Menschen war und ist nicht nur im Umfeld des sogenannten Arabischen Frühlings sehr gross, sondern auch in den USA und in vielen Ländern Europas, selbstverständlich auch bei uns.

In der Tat kommt kein engagiertes gesellschaftsveränderndes Handeln aus ohne gefühlsmässige Betroffenheit.

Natürlich gibt es verschiedene Varianten von solchen gefühlsmässigen Betroffenheiten und die Empörung ist sicher bloss eine von ihnen.

Das Gefühl «Genug ist genug» kann viele – vor allem junge Menschen – auf Strassen und Plätze treiben und das ist im Sinne von Druckerzeugung für politische Veränderungen von grosser Bedeutung.

Die basisdemokratisch und dezentral netzartig organisierten Indignados-Bewegungen, welche sich zum Teil ausdrücklich von den Parteien distanzieren, laufen aber Gefahr, nach einer gewissen Zeit an Schwung zu verlieren, weil ihre Forderungen sehr abstrakt sind.

In der Umsetzung kommt es jedoch auf die Details an, die ihrerseits nur über die Kleinarbeit der Alltagspolitik realisiert werden können.

Für mich sind die einzelnen Bewegungen der Empörung aber trotz der Defizite an Programmatischem von historischer Bedeutung und die Schriften von Hessel haben ihnen eine prominente Stimme gegeben.

Diese bis jetzt meist gewaltlos verlaufenen Bewegungen sind so etwas wie der Aufschrei des kollektiven Gewissens von Gesellschaften,

. die entweder im Bereich des Menschenrechtlich-Demokratischen,

. der Reichtums- und Ressourcenverteilung oder

. des Ökologischen in untolerierbare Defizite hineingeraten sind.

Wenn uns Hessel zuruft «Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt» (15 ), dann hält er sich an den alten Grundsatz der Ökologiebewegung: «Global denken, lokal handeln».

In diesem Sinne sind Hessels Schriften eine Herausforderung für alle, welche noch – in welcher Intensität auch immer – an eine gute Zukunft glauben.

Meine Damen und Herren, ich schliesse mein Input-Referat mit dem Wunsch, uns mit unserem eigenen Empörungspotenzial – und damit auch mit unserem Potenzial für Ihr eigenes Engagement; nicht mit einem Engagement en général, sondern einem Engagement im konkreten Hier und Jetzt.

Nur, wenn wir Empörung und Engagement zusammensetzen, kann sich der Schlusssatz von Hessels Streitschrift «Empört euch» bewahrheiten:

«Neues schaffen, heisst Widerstand leisten, Widerstand leisten, heisst Neues schaffen.» (p.21)

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Francos Ziehsohn wurde zum Diener der Demokratie

Der selbstbewusste, bürgernahe Monarch weiss, wer er ist: ein Königssohn, kein gewöhnlicher Politiker. «Für einen Politiker», sagte er einmal, «bedeutet das Königsamt eine Berufung, denn er liebt ja die Macht. Für einen Königssohn, wie ich es bin, ist es etwas ganz anderes. Es geht nicht darum, ob es mir gefällt oder nicht. Ich bin dazu geboren. Und seit meiner Kindheit haben mir meine Lehrer beigebracht, auch Dinge zu tun, die mir nicht gefallen. Im Hause der Bourbonen bedeutet Königsein ein Amt.» (Zitiert nach Paul Preston, Juan Carlos, El rey de un pueblo, Barcelona 2003 p. 13.) Mag stimmen, was er sagt, aber er sagt nicht alles: In der Tat zeichnet ihn ein hohes Pflichtbewusstsein aus, für das er sogar sein Leben riskiert hat. Denken wir nur an jene dramatische Nacht des 23. Februar 1981, als er durch sein mutiges Bekenntnis zur Demokratie Spanien vor einem Rückfall in eine erneute Militärdiktatur bewahrte – ein Ereignis von historischer Bedeutung. (Vgl. dazu Javier Cercas, «Anatomie eines Augenblicks, Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde», Frankfurt am Main, 2011.) Denken wir aber auch an all die persönlichen Verzichte und Gehorsamszumutungen, welche dem Königssohn von seinem Vater Don Juan, aber auch von seinem coinstar stocks Coinstar Money Transfer, UKRAINE, KIROVOGRAD politisch en Ziehvater Franco abverlangt wurden: z. B. an die frühe Einweisung in ein strenges Internat in Fribourg oder an die von seinem Vater und von Franco verordneten Ausbildungsjahre in Spanien. Da gab es z. T. unglaubliche Einmischungen in die Privatsphäre. So hielten etwa die Aufpasser von Franco den jungen Juan Carlos davon ab, das Bild einer seiner Jugendfreundinnen auf den Nachttisch zu stellen.

image (Foto Andrea Comas, Reuter)

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Sie brauchen sich, aber sie wollen sich nicht berühren

Eine Wirtschaftsfakultät auch für die Uni? Kaum ist diese Diskussion entbrannt, entflammt sich auch eine Grundsatzdebatte über den Denkplatz Luzern. Und auch über dessen Service public, beispielsweise bei 4seohunt.com/www/www.hanswidmer.ch der ZHB.

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Nicht die Freude über die bald bevorstehende Eröffnung der Uni beim Bahnhof (Bild) prägt sechs Wochen vor dem Wahltag die bildungspolitische Debatte…
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…, sondern die Frage, ob eine eigene Uni-Fakultät für Wirtschaftswissenschaften die Hochschule für Wirtschaft an der Zentralstrasse (Bild) konkurrenzieren soll.
Bilder: Herbert Fisc coinstar like machines Coinstar Money in Romania, Baia mare her

Die Entwicklung des tertiären Bildungs- und Forschungsraumes in der Zentralschweiz ist eine Erfolgsgeschichte. Wer hätte sich vor gut 10 Jahren vorstellen können, dass in Luzern über 7000 junge Menschen ein Studium absolvieren und dass weit mehr als tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Tertiärstufe unseres Bildungssystems ihren Arbeitsplatz finden würden? Eine Wirtschaftsfakultät auch für die Uni?

Denkplatz Luzern ist nicht allein Sache der Regierung

Eine solche Erfolgsgeschichte darf insbesondere den Kanton Luzern und seine Regierung nicht vergessen lassen, dass viele Akteure daran beteiligt sind: Weiterlesen

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Qualifikation der Unterrichtenden an Schulen mit gymnasialer Maturität

Anfrage im Nationalrat

Im Zusammenhang mit dem Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) stelle ich dem Bundesrat folgende Fragen:

  1. Welches sind die Anforderungen an die Qualifikation von Lehrpersonen, die an Schulen mit gymnasialer Maturität unterrichten und Matura-Prüfungen durchführen?
    1. Ueber welchen fachlichen Abschluss (anerkannten Titel)  bortinsurance.com haben sie 4seohunt.com/www/www.hanswidmer.ch zu verfügen?
    2.  Ueber welchen www.hanswidmer.ch.ebozavr.com didaktischen Abschluss (anerkannten Titel) haben sie zu verfügen?
    3. Was unternimmt der Bund, um im Dossier ‚Qualifikation von Lehrpersonen an Schulen mit gymnasialer Maturität‘ eine grössere Einheitlichkeit und Transparenz zu gewährleisten?
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Bildung – Ausbildung

Vortrag von Hans Widmer vom 5.12.2008, gehalten an der Universität Bern vor den Rektoren allgemein bildender Schulen

Mein Damen und Herren, ich möchte meine Ausführungen entlang der folgenden Fragestellungen darlegen.

Frage 1: Was soll unter Bildung und was unter Ausbildung verstanden werden?

Frage 2: Wie steht es in der heutigen Bildungs- und Ausbildungslandschaft um das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung?

Frage 3: Soll das Verhältnis so bleiben oder ist eine Veränderung angesagt?


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Vom Umgang mit dem Zweifel in der Politik

Philosophische Ueberlegungen (Juli 2007) im Zusammenhang mit den politischen Diskussionen und Vorgängen auf Bundesebene

Wenn man diesen Titel anders formulieren müsste, könnte er auch lauten: ‚Vom Umgang mit der philosophischen Denkungsart in der Politik’. Wenn man ferner bei politisch aktiven Menschen eine Umfrage machen würde, was sie von einem solchen Titel halten, dann hätten wohl mehr als 50% Mühe damit, weil sie ihn als zu theoretisch, eben als zu philosophisch hielten.

Ist nicht die Politik reine Praxis, würden wohl viele Vertreterinnen und Vertreter aller Parteien sagen. Einige wären vielleicht etwas grosszügiger und würden bemerken, dass politische Programme ja auch Theorie seien und dass eine rein praktische Politik ohne  wissenschaftliche Politologie auf die Dauer etwas gar schmalbrüstig herauskommen könnte.

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