Ortega Y Gasset: wer war das schon wieder?

Vorbemerkung

Der spanische Essayist, Philosoph, Journalist und Politiker (1883-1955) ist heute im deutschen Sprachraum etwas in Vergessenheit geraten. Das ist auch verständlich, denn nur ganz wenig Autoren finden den Weg in die privilegierte Sphäre der grossen Klassiker. Das ist in allen Bereichen so, in der Philosophie, der Kunst, den Wissenschaften  usw. Besonders schwierig ist die Etablierung in dieser ‚Ueberflieger-Etage‘ für derart facettenreiche Schriftsteller wie Ortega einer war.

Trotzdem werde ich in diesem Beitrag, den ich von seinem Umfang und von seiner zeitlichen Dauer her der Kategorie ‚open end‘ zuordnen möchte, mich sehr intensiv mit dem Werk von Ortega y Gasset beschäftigen.  Das hat verschiedene Gründe: Da ist einmal die brillante und bildhafte Sprache, deren Anziehungskraft ausser Diskussion steht und durch sie und mit ihr werden zudem Inhalte transportiert, über die nachzudenken auch heute noch von Interesse sein kann. Selbstverständlich verdienen nicht alle seine Ueberlegungen die gleiche Aufmerksamkeit. Viele könnte man übergehen und vergessen, weil sie zur Sparte ‚Tagesjournalismus‘ oder zu jener von ‚Entwürfen‘ gehören. Aber auch diese sind zu berücksichtigen, weil sie uns den Denkweg des Autors zeigen, einen Weg, der nicht nur geradlinig verläuft, sondern Schlaufen zieht und so auch heute noch zu beeindrucken vermag, weil auch für uns Denken ein Unterwegs-Sein ist, eine Wanderung durch Bilderschluchten entlang von Begriffsgittern, die allenfalls nach einiger Zeit verrotten und untauglich werden.

Im Jahr 2004 hat die „Fundación José Ortega y Gasset“ die bis heute umfassendste Ausgabe der Gesamtwerke  (Obras completas) herausgegeben. Sie ist chronologisch aufgebaut und umfasst unter anderen auch  bisher unveröffentlichte Schriften.

1902:

Nicht aktuelle Glossen. (bisher  unveröffentlicht)

Ortega war gerade einmal 19 Jahre alt, als er in den Monaten Juni/Juli 1902 zwei Schriftstücke verfasste, welche 2007 in den Obras completas[1] (p.3-7) erstmals publiziert worden sind. [2]

Der erste Text trägt den Titel «Vom Licht in die Schatten»[3] und für den zweiten Artikel wählte der junge Autor ein einziges Wort, nämlich das Verb «Keuchen»[4]

Beide Dokumente stehen unter der gemeinsamen Ueberschrift «Nicht-aktuelle Glossen»[5]

a) Vom Licht in die Schatten

Der 1. Glosse « Vom Licht in die Schatten» wird die folgende Widmung vorangestellt: «Für Herrn Habacuc Humbugman, Professor für vergleichende Paradoxie an der Universität von Plumckake.» [6]

Auf die Frage, wer mit  Habacuc gemeint sei , findet man in den Bemerkungen zur Edition der Obras completas den folgenden Hinweis: «Dieser Herr ist der Journalist Mariano de Cavia.»[7]

Den Auftakt zur ersten Glosse «Vom Licht in die Schatten» bilden fiktive Vorstellungen über die Höhlenbewohner.

Deren Arglist vergleicht der junge Schriftsteller mit misstrauischer Bauernschlauheit. Diese sei bei den Höhlenmenschen derart durchtrieben gewesen, dass einem der grinsende  Voltaire im Vergleich dazu geradezu naiv vorkomme.

Nicht nur epischer Ironien seien unsere Vorfahren fähig gewesen.Sie hätten es sogar fertig gebracht, sich das von Natur aus zerstörerische Element des Feuers für die eigenen Zwecke dienstbar zu machen.

Dadurch sei die Nacht zum Tag geworden und es sei zu Ende gewesen mit dem naturgegebenen Gleichgewicht zwischen der dem Schlaf geweihten Nacht und dem für das Tätigsein bestimmten Tag.

Mit der damit zusammenhängenden Hypertrophie des Gehirns habe sich  die Fähigkeit zum Abstrahieren entwickelt wie auch  die Verinnerlichung des Denkens und mit ihr die Erfindung der Moral.

Ortega beurteilt diesen Gang der Geschichte als Dekadenzbewegung, die höchstens noch durch Rousseau unter folgenden Bedingungen hätte aufgehoben werden können: Ablehnung der intellektuellen Fortschritte und Rückkehr zu den ursprünglich partikulären Ideen.

Die Dekadenzbewegung kam aber nicht zum Stillstand. Im Gegenteil, die allgemeinen Ideen, welche im Text als asiatische Erfindung bezeichnet werden, verbreiteten sich wie eine Krankheit, welche zunächst endemisch blieb, später aber physiologisch wurde.[8]

An dieser Stelle sei die Dekadenzgeschichte bereits zur Hälfte abgelaufen. Von da weg hätte sie sich durch  zunehmende Beschleunigung dem freien Fall angenähert.

Das menschliche Gehirn sei im Verlaufe der Zeit immer noch grösser geworden: dadurch seien sowohl Akte des  Zauderns als auch des Zweifels möglich geworden. Auch sei das Reich der Sinnestäuschungen entstanden. Nach dieser Aussage folgt der für unser heutiges Verständnis provokative Satz: « der Mensch wird zur Frau.»[9]

Durch diesen Entwicklungsschritt sei der Mensch zu einem kranken Wesen geworden: aufgrund der Fähigkeit, in allgemeinen Begriffen denken zu können, seien Trugbilder entstanden und schliesslich sei auch die Figur des Künstlers  auf den Plan getreten. Diese wird als ein «durch Schatten verletzter Nerv.»[10] beschrieben.

Jetzt sei die Zeit des senilen Luxus der Menschheit angebrochen, eine schreckliche Zeit desaströser Verwechslung zwischen Schatten, Einbildungen und Realitätsfetzen und damit einer Konfusion zwischen dem, was wirklich ist und dem, was in seinem Geist bloss Seinsstatus beanspruche. Eine unverständliche Welt schöner Abstraktionen sei entstanden, eine Welt allerdings, die dem Menschen entglitten sei.

In diesem somnolenten Zustand seien vage Erinnerungen an für immer verloren gegangene Lusterfahrungen aufgetaucht. Die Menschen hätten auf diesem Hintergrund  Genealogien konstruiert, welche sie glauben machten, sie wären Erben eines imaginierten Thrones. Unter Tränen und nervöser Erregung hätten sie das alte Lied von den Abdankungen angestimmt.

Das Ganze- so Ortega- sei ein «Kampf mit Schatten» (Schattenboxen  ?)[11], den er mit den folgenden Figuren aus der Kulturgeschichte illustriert: mit Israel, der mit dem Engel ringt, mit Hamlet in seinem Kampf mit dem Zweifel, mit Faust, der sowohl die Wissenschaft als auch die Liebe beweint und schliesslich mit Don Quijote, der einen bewaffneten Ritter fingiert.

Wie kann dieser Text vom „Licht zu den Schatten“ gedeutet werden.

Dazu einige Stichworte.

  1. Die Widmung zeigt zwei Aspekte:
    1. Ihn beschäftigt die Tatsache, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte von Paradoxien ist: was als Errungenschaft daherkommt (Feuer /Licht) erweist sich im Verlaufe der Zeit als negativ: es führt zum Verlust eines ursprünglichen Gleichgewichtes (z.B. von Tag und Nacht), zur Abstraktion und damit zu einem erkenntnistheoretischen Realitätsverlust. Die Menschen auch die grossen Gestalten der Geistesgeschichte – Israel – Hamlet – Faust- Don Quijote- verlieren den sicheren Boden unter den Füssen.
    2. Er beruft sich auf ein Vorbild, nämlich auf den Journalisten Mariano de Cavia, der ihn in seiner Fähigkeit, mit dem Paradoxen umzugehen, offensichtlich fasziniert hat und dem er das Pseudonym Habacuc gibt.

 

[1] José Ortega y Gasset, Obras completas, Tomo VII (1902-1925), Madrid 2007 ISBN 978-84-306-0624-5 (Im folgenden mit OC, VII + Seitenzahl abgekürzt.)

[2] Aus den Bemerkungen zur Edition der OC geht hervor, dass die unter dem Titel ‚Nicht aktuelle Glossen‘ archivierten  Texte seitens des jungen Autors eigentlich für den Druck bestimmt gewesen wären, aber dass sie trotzdem bis ins Jahr 2007 unveröffentlicht blieben.

[3]“De la luz a las sombras» OC,VII,912.

[4] «Jadear» OC,VII,912. Im Deutschen könnte man ‚jadear‘ nicht nur mit ‚keuchen‘, sondern auch mit ‚hecheln‘ übersetzen.

[5]«Glosas inactuales».Es ist nicht auszuschliessen, dass mit dieser Formulierung eine Anspielung auf Nieztsches «Unzeitgemässe Bemerkungen» gemacht wird. Vgl. insel taschenbuch 509, ISBN: 978-3-458-32209-2

[6] OC,VII,3.

[7] Oc, VII, 851  Mariano de Cavia (1855-1920) war ein aus Zaragoza stammender Journalist mit freigeistig-liberaler Einstellung , der unter anderen in jenen Zeitungen mitarbeitete, in denen auch Ortega Artikel veröffentlichte wie zB. (El Imparcial oder El Sol). Einen Hinweis auf die Neigung von Cavia zur Satire war dessen Gründung der satirischen Wochenzeitschrift «El Chin-Chin», die allerdings nur wenige Wochen überlebte. (vgl. https//es wikipedia.org/wiki/Mariano de Cavia)

[8] Ortega bezeichnet die asiatische Erfindung der allgemeinen Ideen als das «französische Uebel» (mal francés, OC VII,4), welches dasjenige Begehren erregt, welches (durch diese Krankheit  Verf. ) auch getötet wird.»Una enfermedad que excita a aquel deseo que mata.» ebd.

[9] «el hombre se transforma en mujer.» (OC,VII,4) Wenn man ‘hombre’ nicht voreilig als ‘Mann’ übersetzt, sondern als ‘Mensch’, dann kann man diesen Satz aus anthropologischer Perspektive zu erklären versuchen. Wenn man dagegen ‘hombre’ mit ‘Mann’ widergibt, dann drängt sich die Genderperspektive auf. Im Fall der anthropologischen Deutung könnte man an diesem Punkt der Dekadenzgeschichte die Entstehung der Phantasie verorten, jener Fähigkeit, die oft als das weibliche Prinzip bezeichnet wurde. Eine Interpretation aus der Genderperspektive  hingegen würde nur den einen Teil der Menschheit der Dekadenzgeschichte, zuordnen-nämlich die Frauen- und damit dem Denken des jungen Ortega das patriarchalische Paradigma unterstellen, was aus dem Kontext seines späteren Denkens kaum gerechtfertigt ist.

[10] OC,VII,4

[11] !Lucha con sombras! (OC,VII,4)

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b) Keuchen (Hecheln)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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