Vom Umgang mit dem Zweifel in der Politik

Philosophische Ueberlegungen (Juli 2007) im Zusammenhang mit den politischen Diskussionen und Vorgängen auf Bundesebene

Wenn man diesen Titel anders formulieren müsste, könnte er auch lauten: ‚Vom Umgang mit der philosophischen Denkungsart in der Politik’. Wenn man ferner bei politisch aktiven Menschen eine Umfrage machen würde, was sie von einem solchen Titel halten, dann hätten wohl mehr als 50% Mühe damit, weil sie ihn als zu theoretisch, eben als zu philosophisch hielten.

Ist nicht die Politik reine Praxis, würden wohl viele Vertreterinnen und Vertreter aller Parteien sagen. Einige wären vielleicht etwas grosszügiger und würden bemerken, dass politische Programme ja auch Theorie seien und dass eine rein praktische Politik ohne  wissenschaftliche Politologie auf die Dauer etwas gar schmalbrüstig herauskommen könnte.

In der Alltagspolitik hat die Philosophie – und dies nicht ganz zu Unrecht- wenig Bedeutung, denn das Pragmatische muss den Vorrang haben, geht es doch darum, ganz konkrete Probleme zu lösen: etwa im Bereich der Sozialversicherungen oder bei Fragen der Verkehrspolitik.

Leider geht aber häufig vergessen, dass die Alltagspolitik nicht ein System ist, das in sich selber ruht. Wer dies behauptet, ist kurzsichtig, denn er oder sie vermag nicht zu sehen, dass das System ‚Alltagspolitik’ verhängt ist mit vielen anderen Systemen, wie z.B. mit denjenigen wirtschaftlicher, kultureller oder weltanschaulich-religiöser Modellvorstellungen. Wer also die Alltagspolitik als ein in sich geschlossenes System wahrnimmt und als ein solches zu steuern versucht, ist einem Ballonfahrer zu vergleichen, der sich nur mit dem Aufblasen der Ballonhülle befasst und vergisst, den Korb und die dazu gehörenden Gewichte anzuhängen: eine Vorstellung, die wahrlich Angst machen kann, denn die nicht mehr geerdete Heissluftkugel würde orientierungslos und von Windströmungen getrieben am Firmament verschwinden.

Wenn wir den Betrieb der Alltagspolitik- das Verfertigen von Gesetzen und das Begründen von Finanzbeschlüssen mit einem Handwerksbetrieb -etwa mit einer Schreinerei- vergleichen, dann stehen für die in der Schreinerwerkstatt Tätigen die Maschinen bereit und auch das Holzlager ist verfügbar: nun kann es losgehen mit dem Entgegennehmen von Aufträgen und deren Realisierung.

Was die beiden Bilder, das vom orientierungslosen Heissluftballon und das von der eingerichteten Schreinerwerkstatt mit der im Titel vorgezeichneten Fragestellung zu tun haben, das soll anhand von zwei abstrakten Thesen und deren Erläuterung dargelegt werden.

Diese beiden Thesen verorten das Politische im Spannungsfeld von Theorie und Praxis und sie bringen zum Ausdruck, dass eine qualitativ hochstehende, weil dem Wesen des Menschen gerecht werdende Politik sich stets in einem labilen Gleichgewicht zwischen den beiden bestimmenden Polen von Theorie und der Praxis einmitten wird.

Von welchem Pol eine bestimmte Politik mehr angezogen wird, von der Theorie oder von der Praxis, das hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab: z.B. von der politischen Tradition oder auch von der Persönlichkeitsstruktur und von der Ausbildung derjenigen, welche die Politik gestalten.

Aber eines darf wohl nie fehlen, es sei denn, man begnüge sich mit einer Verstümmelung des Politischen, mit einer Engführung, welche das Feld des Politischen derart eingrenzt, dass darauf nicht mehr www.hanswidmer.ch.ebozavr.com ‚menschnegerecht’ gespielt werden kann.

Was aber ist dieses Eine, das niemals fehlen darf? Es ist das ‚Denken’ im Sinne des Betätigens der Vernunft, das Denken ohne ideologische Scheuklappen, ohne Beschränkung auf wissenschaftliche Mainstreams, das Denken, welches vom Stachel des Zweifels lebt, welches aber auch seine Grenzen zugeben kann, um allenfalls einem reflektierten und damit Toleranz befähigenden Glauben Platz zu machen’.

Auf diesem Hintergrund kann ich nun die beiden folgenden Thesen formulieren:
These 1: Wer zuviel zweifelt, bewegt sich in Richtung der Handlungsunfähigkeit.
These 2: Wer nur noch handelt, bewegt sich in Richtung der Unfähigkeit zu zweifeln.


Zur These 1: Manchmal stelle ich mir die Frage, warum sich in unserem Lande so wenige Intellektuelle ernsthaft in der Politik engagieren, warum so viele Vertreterinnen und Vertreter vor allem der Geisteswissenschaften kaum mehr als ein müdes Lächeln oder bloss einige ironische Bemerkungen übrig haben für das ‚niedrige’ Geschäft des Politischen.
Vielleicht betreiben sie ihr Geschäft des Denkens und Zweifelns so prominent, dass ihnen die Handlungsfähigkeit nahezu abhanden kommt, es sei denn, sie hätten um die Existenz ihrer Projekte oder Lehrstühle zu kämpfen. Ich weiss, dass unsere Gesellschaft eine hochspezialisierte ist, aber das Politische geht nun einmal alle etwas an und wenn jene, die in ihrem Beruf eine hohe Kultur des Denkens und des Zweifeln entwickelt haben, genau diesen Bereich des Politischen meiden oder ihn gar verächtlich behandeln, dann überlassen sie das Feld bekenntniswütigen Macherinnen und Machern, bei denen die Tat derart im Vordergrund steht, dass sie kaum mehr zu denken und zu zweifeln vermögen.

Damit bin ich auch schon bei der These 2: Wer nur handelt, bewegt sich in Richtung der Unfähigkeit zu denken und zu zweifeln. Hier komme ich zurück auf das Bild von der Schreinerwerkstatt: die Maschinen sind eingerichtet, die Holzlager gestapelt und die Aufträge liegen vor. Angesagt ist ausführendes Handeln. Grundsätzliche Fragen etwa nach einer anderen Fertigungstechnik oder nach anderen Hölzern sind nur störend und verhindern sowohl die Effizienz als auch die Effektivität. Die Übertragung dieser Metapher  auf das Feld der Alltagspolitischen ist einfach: die einzelnen Parteien sind konkurrierende Schreinerwerkstätten: der Einkauf  der Holzlager, der Maschinen sowie die Definition der einzelnen Aufträge werden den Akteuren in den Werkstätten sprich in den Parlamenten und z.T. auch in den Exekutiven vorgegeben. Jede Werkstatt tritt mit ihrer Marke als die Beste – mit einem möglichst raffinierten Marketing- an die breite Öffentlichkeit und hofft auf breite Zustimmung und somit auf eine grosse kaufbereite Kundschaft.

In den Parteizentralen und an den Schaltstellen sind Macher und Marketingleute gefragt. Zweifler spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist nicht einfach zu verurteilen, denn im Bereich des Politischen steht schon von Definition des Begriffes her die Tat im Vordergrund.

Hier aber liegt das Problem: die Tat steht nur im Vordergrund. Sie ist nämlich dringend darauf angewiesen, dass es auch noch einen Hintergrund gibt und dieser ist das Denken und der Zweifel. Wenn dieser Hintergrund selten oder nie aktiviert wird, kann es gefährlich werden. Wenn wir zum Bild mit dem Heissluftballon zurückzukehren, kann sich folgende Situation ergeben. Alle sind daran, die Reissfestigkeit der Ballonhülle zu testen, um sie möglichst effizient und publikumswirksam aufzublasen, derweil sie aber vergessen, den Ballonkorb zu befestigen und für die nötigen Gewichte zu sorgen. Was diese Metapher in ihrer negativen  Anwendung auf den Bereich des Politischen bedeutet, kann ebenfalls leicht gezeigt werden: man vergisst die Erdung, das heisst man kümmert sich kaum noch um den Korb, der für konkrete Menschen (Passagiere) bestimmt ist und man sorgt sich kaum um die verschiedenen Winde, welche zu erwarten sind.

Aktivisten sind zwar in der Politik gefragt und sie sollen ihre Rolle spielen: schliesslich wird das Gefährt nie in die Höhe gehen, wenn niemand die Hülle füllt und alle nur von der Grosswetterlage reden. Beides tut not, die Tat und das reflektierende Denken.
Nur, wenn sich die Politik im Spannungsfeld von Beidem, von Theorie und Praxis zu halten vermag, verkommt sie nicht zur Politträumerei auf der einen Seite und zu blindem Aktivismus auf der anderen. Bald 40 Jahre nach der 68iger Bewegung hat in unserem Lande in allen politischen Lagern eine sehr pragmatische und marketingorientierte Mentalität die Oberhand gewonnen. Vor der Gefahr der Politträumerei gilt es also kaum mehr zu warnen. Vielmehr lauert die Gefahr von der entgegen gesetzten Seite: Denken und Zweifeln sowie das Stellen von Grundsatzfragen kommen eindeutig zu kurz: sie werden höchstens an das Feuilleton und an die Sonntagstalks delegiert. Wer aber nicht im Alltag reflektiert, läuft Gefahr, einem aktivistischen Dogmatismus zu verfallen, einem Dogmatismus, der ausgrenzt und die anders denkenden als Feinde apostrophiert, mit denen man am besten nicht redet oder mit denen man auch nach allfällig hartem Ringen lieber niemals Kompromisse schliesst.

Wer als Aktivist nicht immer auch im Hintergrund denkt und zweifelt, ist vielleicht gefährlicher als die Zweifler, welche kaum mehr handlungsfähig sind. Diese allerdings sind gefährdet, gefährdet in der Brandung von blindwütigem Aktivismus, dessen schlimmste Ausgeburt die Intoleranz und damit eine Schwächung der demokratischen Kultur sein könnte.
Beides braucht die Politik: das Handeln im Vordergrund, das Denken im Sinne von Zweifeln und Suchen nach Alternativen im Hintergrund.

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