Bildung – Ausbildung

Vortrag von Hans Widmer vom 5.12.2008, gehalten an der Universität Bern vor den Rektoren allgemein bildender Schulen

Mein Damen und Herren, ich möchte meine Ausführungen entlang der folgenden Fragestellungen darlegen.

Frage 1: Was soll unter Bildung und was unter Ausbildung verstanden werden?

Frage 2: Wie steht es in der heutigen Bildungs- und Ausbildungslandschaft um das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung?

Frage 3: Soll das Verhältnis so bleiben oder ist eine Veränderung angesagt?


Zur Frage 1: Was soll unter Bildung und, was unter Ausbildung verstanden werden?

Eine profunde Beantwortung dieser Frage würde uns eigentlich ausführliche Exkurse in die faszinierende Welt philosophischer und pädagogischer Theorien abverlangen.

Darauf ist leider aus zeitlichen Gründen zu verzichten.

So halte ich mich denn an eine kurze Umschreibung der beiden Begriffe ‚ Bildung‘ und ‚Ausbildung‘, wie sie der bekannte Philosoph Peter Bieri in einem Vortrag an der Fachhochschule Bern formuliert und vertieft hat:

Bildung ist für ihn ein Wert in sich, sie ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen.

Man arbeitet daran, etwas zu werden,

man strebt danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.

Es geht im Einzelnen bei diesem Vorgang um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung moralische Sensibilität usw.

 

Ausbildung dagegen ist stets an einem Nutzen orientiert: Man erwirbt ein Know-how mit dem Ziel, etwas zu können, um damit etwas zu erreichen,

Diese beiden Umschreibungen sind eigentlich plausibel und bedürfen kaum eines weiteren Kommentars.

Allerdings kann es dann zu Schwierigkeiten kommen, wenn man sie in der Bildungspolitik sozusagen unter einem gemeinsamen Dach von der Theorie in die Praxis überzuführen hat.

Damit wir definitorisch klar kommen, müssen wir neben den im Sinne von Peter Bieri umschriebenen Begriffen ‚Bildung’und ‚Ausbildung‘ einen dritten Terminus einführen, der jene Wirklichkeit auf den Begriff bringt, welche ich soeben mit dem Bild vom gemeinsamen bildungspolitischen Dach angedeutet habe.

Gemeint ist dann die Einflussnahme staatlicher oder anderer öffentlicher Institutionen auf Individuen, die sich unter Zwang – während der obligatorischen Schulzeit- oder freiwillig in der nachobligatorischen Phase -Lernprozessen unterziehen.

Diese Einflussnahme wird durch Systeme, Strukturen, Prozeduren und programmatische Vorstellungen gesteuert, welche unter der Etikette ‚Bildungspolitik‘ identifiziert werden können.

Der Ausdruck ‚ Bildung‘ in diesem Zusammenhang

versteht sich gleichsam als ‚Dachüber dem emphatischen Begriff ‚Bildung‘ im Sinne von Peter Bieri und dem von ihm skizzierten Begriff ‚Ausbildung‘.

Wenn wir uns nicht darüber klar werden, dass dieses ‚gemeinsame Dach‘ auf einer anderen Ebene ist als das, was von ihm überdacht wird, nämlich die ‚Bildung‘ und ‚ Ausbildung‘ im engeren und eigentlichen Sinne, dann kommt es zu Scheindisputen zwischen jenen, welche den bildungspolitischen Akteuren vorwerfen, sie würden entweder einseitig coinstar coupons Coinstar Money Transfer, INDIA, GUJARAT nur ‚Bildung‘ oder ebenso einseitig nur ‚Ausbildung’betreiben.

Der Begriff ‚Bildung‘ im Zusammenhang mit ‚Bildungspolitik‘ bezeichnet – sozusagen auf einer Metaebene- einen organisatorischen Auftrag, nämlich den, mit den nötigen finanziellen, organisatorischen und programmatischen Ressourcen dafür zu sorgen, dass Lernende sich bilden können und dass sie ausgebildet werden.

Diese begriffliche Differenzierung macht deutlich, dass die bildungspolitischen Akteure auf der einen Seite und die Erziehenden sowie die Lehrenden auf der anderen Seite ganz andere Aufgaben zu erfüllen haben.

Die bildungspolitischen Akteure sind eigentlich nichts anderes als die organisatorischen Dienstleister, welche dafür zu sorgen haben, dass strukturorientierte sowie programmatische Ressourcen und Gefässe bereitgestellt werden, die Bildungs- und Ausbildungsprozesse ermöglichen und zwar in einem ausgewogenen Verhältnis.

Mit ausgewogen meine ich den begründeten Anspruch, dass beide Elemente, das Bildungs- genauso wie das Ausbildungselement ermöglicht werden sollen.

Begründet ist ein derartiger Anspruch letzlich in der ‚conditio humana‘. Diese charakterisiert sich dadurch, dass der Mensch als Individuum seine Innerlichkeit ernstzunehmen,auszubilden und zum Ausdruck zu bringen hat, dass er aber niemals überleben kann, ohne harte Arbeit und Gestaltung der Welt.

Die emphatische Bildung konzentriert sich vor allem auf die angesprochene Welt der Innerlichkeit und auf den Ausdruck derselben, während die Ausbildung mit ihrer Zielgerichtetheit und ihrer Nützlichkeitsorientierung das Feld der Weltgestaltung und der Arbeitswelt anvisiert.


Nach diesen begrifflichen Präzisierungen möchte ich mich der 2.Frage auseinandersetzen:sie lautet : Wie steht es in der heutigen Bildungs- und Ausbildungslandschaft um das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung?

Oder präziser: wie gestaltet die heutige Bildungspolitik mit ihren Steuerungsinstrumenten das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung?

Die Antwort muss ich leider mit kritischen Bemerkungen beginnen.

Die Bildungsadministrationen haben ihren Auftrag nur teilweise erfüllt, weil sie sich zu sehr vom ökonomisch dominierten Paradigma des Nützlichkeitsdenkens haben leiten lassen.

Selbstverständlich- und deswegen betone ich, dass sie den Auftrag nur teilweise erfüllt hätten – haben sie einen Teil des Auftrages hervorragend erfüllt: sie haben nämlich die Ausbildung gut bewirtschaftet und sie bedienen rationale Steuerungssysteme, welche mit den ökonomischen Mitteln, welche ihnen zur Verfügung stehen, einigermassen sparsam und transparent umgehen.

Aber sie haben sich trotzdem zu sehr nur an diesem Paradigma orientiert. Insofern haben sie im eigentlichen Sinne einen Entfremdungsprozess zu verantworten.

Sie haben sozusagen vergessen, dass sie nicht nur dem Ausbidlungsparadigma zu dienen haben. Ihre Steuerungssystem, ich denke z.B. an den ganzen Ratings- Evalutations- und Qualitätssicherungskult kommen gar nicht an die Kernelemente der emphatischen Bildung heran, weil diese nicht zähl- und messbar sind und weil sie nicht einfach standardisier- und damit auch nicht testbar sind.

Es wäre nicht fair, die Schuld für den angedeuteten Entfremdungsprozess einzig und allein den Bildungsbürokratien anzulasten. Auch die Bildungspolitik im engeren Sinne muss sich Asche aufs Haupt streuen.

Wenn ich mich daran zurückerinnere, wie problemlos z.B. der Wettbewerbsgedanke und der Drittmittelbeschaffungsauftrag in die Universitätsgesetze hineingekommen sind, dann zeigt das klar, dass das neoliberale Gedankengut während Jahren den bildungspolitischen Zeitgeist – über alle Parteien hinweg- geprägt hat.

Dabei hatte dieses Gedankengut durchaus auch seine positiven Seiten. Mehr Effizienz und Effektivität bei der Reorganisation von z.T. veralteten Strukturen, war in vielen Fällen heilsam und nötig, denn dem Staat in der globalisierten Wissensgesellschaft erwuchs innert weniger Jahre die beinahe unlösbare Aufgabe, stets wachsende Zahlen von Auszubildenden und Studenten in das Bildungssystem zu integrieren. Und dies nicht mit einem entsprechend grösser werdenden Etat.

Ohne einen marktwirtschaftlich inspirierten Impetus hätten wir im Ausbildungsbereich –ich denke da z.B. auch an die Zusammenlegungen im Fachhochschulbereich- ohne solche wirtschaftlich bedingte erfolgreiche Anstrengungen hätte unser Land sicher in vielen Ausbildungsbereichen nicht den Stand, über den es sich heute freuen kann, weil es gerade auf diesem Gebiet den Vergleich mit den Nachbarländern nicht zu scheuen braucht.

Wo aber – wenn doch alles so positiv zu sein scheint,- hat dann der oben erwähnte Entfremdungsprozess stattgefungen und warum?

Das ökonomische Paradigma hat überbordet und ist übergeschwappt in einen Bereich, wo es nicht hingehört.

Dies ist nicht auf dem direkten Weg passiert, sondern über die Organsation von Bildungs- und Ausbildungsprozessen. Es kam z.B. zu Kürzungen bei den Gymnasien. Solche Kürzungen wurden als Reformen verkauft. In Tat und Wahrheit waren es Sparübungen auf Kosten von Gefässen,welche vor allem der Bildung und nicht nur der Ausbildung Raum geben.

Aber auch im Bereich der Berufsbildung gab es Uebergriffe des ökonomischen Denkens hinein in die Domäne von Bildungsräumen.

Man hat z.B. ‚weiche‘ Fächer – an den Universitäten sprach man von Orchideenfächern- zwar nicht einfach abgeschafft, sondern in Fächernetzwerke integriert, oder man hat sie in den Fakultativbereich überführt.

Es gibt im Zusammenhang mit den sogannten Bildungsstandards die Tendenz, nur harte Fächer zu standardisieren und dann auch zu testen. Wohin führt das? Tendenziell in einen Zweiklassenfächerkanon.

Man wird mir sagen, dass es schon immer Nebenfächer gegeben hat. Das stimmt. Jedoch ist heute der Druck von den Kernfächern auf die übrigen Angebote enorm gross www.hanswidmer.ch.ebozavr.com geworden.

In diesem Zusammenhang muss man sich fragen, welche Langzeitfolgen ein solcher Prozess haben kann. Welche Konsequenzen könnten sich zeigen, wenn z.B. bei der Ausbildung im Bereich Buchhandel die Förderung der Sprachkompetenz heruntergefahren wird, oder, wenn man dem Fach Geschichte die Bedeutung nehmen will?

Dann enthält man den von diesen Kürzungen Begtroffenen schlicht und einfach ein Stück Bildung zugunsten von Ausbildung vor. Das ist auf die Dauer nicht unproblematisch. In diesem Zusammenhang möche ich ihnen ein Zitat des spanischen Kulturphilosohen Ortega y Gasst aus seinem berühmten Werk der Aufstand der Massen nicht vorenthalten:

„Der Spezialist ist nicht gebildet; denn er kümmert sich um nichts, was nicht in sein Fach schlägt. Aber er ist auch nicht ungebildet; denn er ist ein Mann der Wissenschaft und weiss in seinem Weltausschnitt glänzend Bescheid.

Wir werden ihn einen gelehrten Ignoranten nennen müssen, und das ist eine überaus ernste Angelegenheit; denn es besagt, dass er sich in allen Fragen, von denen er nichts versteht, mit der ganzen Anmassung eines Mannes aufführen wird, der in seinem Spezialgebiet eine Autorität ist.“

Ortega y Gasset, 1883-1955) Aufstand der Massen (die Barbarei des Spzialistentums)

Der Uebergriff des rein ökonomischen Paradigmas hinein in den Bildungsbereich ist schleichend passiert. Wie gesagt,sind nicht nur Bildungsbürokratie und die Bildungspolitik daran schuld.

Auch die direkt am Bildungsprozess Beteiligten, Lehrer und Eltern geraten in die Kritik. Warum? Sie haben sich zu wenig wirksam gewehrt. Was meine ich damit? Sie liessen sich durch das Diktat von oben einschüchtern.

Auch haben sie sich aufspalten lassen, ohne genügend dafür unternommen zu haben, gemeinsam aufzutreten und in den für sie unverhandelbaren Themen in aller Härtre aufzutreten.

Die Bildungsbürokratie war daher immer wieder am längeren Hebel, weil sie auf der Klaviatur systemtheoretisch fundierter prozeduraler Steuerungsinstrumente spielen konnte und laufend ein Feintunig beim Verändern von Strukturen durchführte, derweil die direkt im Bildungsprozess involvierten Lehrenden entweder von der eigenen Betroffenheit oder von gruppendynamaischen Prozessen gesteuert wurden. Aus diesen Gründen kam es kaum zu grösseren Protestbewegungen: zwar wurde in den Lehrerzimmern viel gemozzt und ausgerufen. Oder es kam zu eigentlichen Spaltungen, zwischen den Fortschrittsgläubigen und der Bewahrern. Zu den ersten gehörte die jüngere Generation, zu den zweiten ältere Semester. Auch gelang es den Bildungsbürokratien ausgezeichnet, nur jene in Leitungspositionen aufsteigen zu lassen, welche sich voll und ganz hinter alle Neuerungen stellten. Ein gekonntes ‚divide et impera‘ führte dazu, dass sich mit der Zeit der Glaube an eine Pädagogik durchsetzte, welche die Kriterien des Messens und Zählens und des Selektionierens über alles stellte und darob die Bildung,welche im eingangs skkizzierten emphatischen Sinne die Innerlichkeit betrifft, an den Rand drängte.

Was soll ich erst von den Schülergenartionen sagen? Ein rebellisches Potenzial war seit der Dominanz des ökonomischen Paradigmas kaum auszumachen. Vielmehr wuchs eine Gereation heran, welche 5 Tage die Woche brav schuftete und entweder Noten oder Crédits einheimste, um sich über das Wochenende den Anliegen des Gefühls zuzuwenden.

Mit diesen pointierten Aeusserungen riskiere ich, von Ihnen als ein Kulturpessimist eingestuft zu werden. Das bin ich aber überhaupt nicht: ich stelle nur in provokativer Manier fest, dass die Bildungspolitik im Umgang mit der ökonomisch dominierten globalisierten Wissensgesellschaft zwar zu einem Teil ihre Aufgabe wahrgenommen hat, dass es ihr aber nicht gelungen ist, den anderen Teil , nämlich den eigentlichen Bildungsauftrag aus der genuinen Perspektive von Bildung im emphatischen Sinne heraus

wahrzunehmen,,jenen Bildungsauftrag, der im Horizont des rein ökonomischen Paradigmas nicht zu bewältigen ist.

Alle Akteure haben diese Fehlsteuerung mitgemacht, die Bildungsbürokratie und die am Bildungsprozess direkt Beteiligten. Das hat zu einer nicht mehr ausgewogenen Aufteilung zwischen Bildung aus Ausbildung geführt, womit ich die Frage 2 skizzenhaft beantwortet habe.

Ich komme nun zur Frage 3. Sie lautet: Soll das Verhältnis so bleiben oder ist eine Veränderung angesagt?

Auf einer allgemein abstrakten Ebene lässt eine Antwort nicht lange auf sich warten: selbstverständlich ist Aenderung angesagt. Das unausgewogene Verhältnis ist möglichst rasch zu korrigieren. Der Bildung muss wieder mehr Platz eingeräumt werden. Das heisst aber nicht dass ich davon träume, das weltfremde Gymnasium der 50iger Jahre wieder aufleben zu lassen. An jener Institution war nämlich die Bildung zu einem Wasserkopf geworden, der die Anliegen der Praxis und der Arbeitswelt gar nicht erst hat heranwachsen lassen.

Die Geschichte ist irreversibel und das ist gut so. Das gilt auch für die ganze Boildungspolitik. Für mich ist sie ein dialektischer Prozess. Die These der weltfremden Bildungseliteschulen für einige Wenige wurde abgelöst durch die Antithese einer wirtschaftgängigen, aber bildungsarmen Bidlungs- und Ausbildungslandschaft. Die Synthese müssen wir Heutigen erfinden und die Zeit ist günstig. Denn die Hintegrundkulisse, welche zur Dominanz des ökonomischen Paradigmas geführt hat, ist durch die Finanzkrise ins Wanken geraten. Diese Krise bereitet – zwar für uns alle ungewollt und schmerzhaft,- den Boden für Fragestellungen, die nicht mehr nur durch die Kriterien der Effizienz, der Effektivität und der Verwertbarkeit bestimmt werden.

Andere Fragestellungen greifen im Bewusstsein vieler Menschen und hoffentlich auch im Bewusstsein von allen Akteuren des Bildungsbereiches. Solche Fragen sind etwa: was denn reales Glück ist und nicht nur virtueller Buchwert oder worin der Sinn des Lebens liegt usw. Das sind Themen, die nicht mehr auf dem Niveau von Multiplechoice getestet werden können, sondern für die es den Innenraum dessen braucht, was ich als Bildung im emphatischen Sinne von Peter Bieri bezeichnet habe.

Für diese Bildung muss unser System mehr Raum schaffen. Das ist meine Antwort auf die Frage 3. Sie ist nur eine abstrakte Andeutung.

Sie zu konkretisieren und operativ werden zu lassen, das wird die Aufgabe all jener sein, welche in rgendeiner Weise in den Bildungsbereich involviert sind. Letztlich wird die angedeutete Synthese nur dann gelingen, wenn durch die ganze Gesellschaft so etwas wie ein Ruck geht, ein Ruck, der das ökonomische Paradigma zwar nicht einfach verdrängt, sondern der daneben das Bildungsparadigma ernster nimmt als dies in den letzten 2o Jahren der Fall war;diesen Ruck braucht es, wenn die Begriffe von Sinn und Identität wieder vermehrt zum Erlebnis der einzelnen Idividuen gemacht werden sollen

Diese Aufwertung wird eine Bereicherung sein, denn sie wird die Ausbildung im Sinne der Weltgestaltung nicht verdrängen, sondern ihr allenfalls vermehrt kreative und neugierige Menschen zuführen.

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